Löws Luxusproblem mit Lahm

Eigentlich ist es für Fußballer nicht unbedingt von Vorteil, wenn sie viele Positionen gut spielen können. Die Versuchung für Trainer ist zu groß, sie deshalb als zwölften Mann auf die Bank zu setzen. Diese Sorge muss Philipp Lahm nicht haben: Der Kapitän der deutschen Nationalmannschaft wird bei der WM in Brasilien fraglos einen Stammplatz haben, sollte er nicht verletzt sein – die Frage ist nur, wo: Bayern-Coach Pep Guardiola hat den Außenverteidiger zum defensiven Mittelfeldspieler umgeschult. Lahm füllt diese Rolle inzwischen mit Bravour aus. Für Bundestrainer Jogi Löw ergibt sich ein Luxusproblem: Wohin mit Lahm? Auf die Position, die er die ganze Saison gespielt hat und wo Löw über starke andere Spieler verfügt oder doch in die Außenverteidigung?

Eine Systemfrage
Der Grund, weshalb Lahm trotz seiner überragenden technischen Fähigkeiten bislang niemals als defensiver Mittelfeldspieler in Frage kam, ist das System. Auf der Sechs sollte eigentlich ein körperlich robuster Spieler stehen, der Kopfbälle gewinnen kann. Abschläge und Returns nach eigenen Abschlägen müssen hier abgefangen werden. Bei den Bayern machte dies in der Triple-Saison geradezu mustergültig der Spanier Martinez. In der Nationalmannschaft erledigt Sami Khedira diesen Job. Guardioalo entwickelte allerdings ein System, bei dem dies nicht mehr nötig ist. Durch das schnelle Kurzpassspiel stehen die Mannschaftsteile eng zusammen. Lange Bälle werden von der Innenverteidigung abgegriffen. Kurze Bälle fängt die breit gestaffelte Offensivreihe des Mittelfelds ab. Der defensive Mittelfeldspieler muss am Boden stark sein, um gegnerisches Kurzpassspiel zu unterbinden und das eigene Spiel zu beschleunigen. Außerdem benötigt er eine hohe Geschwindigkeit, um Konter auszuschließen. Alle drei Qualitäten bringt Lahm wie kaum ein anderer mit.

Löws taktischer Ansatz ist eng mit dem von Guardiola verwandt. Es wäre also nur Recht und Billig, wenn er Lahm, der diese Forderung inzwischen selbst erhebt, genauso einsetzen würde. Nur: Wer geht dann in die rechte Verteidigung? Und welcher der Mittelfeldspieler muss auf die Bank? Guardiola kann das zweite Problem durch Rotation auffangen. Eine WM hat bestenfalls sieben Spiele – Löw hat so nicht das Privileg, großartig rotieren zu können.